«Dass sich Politik und Realität oft voneinander entfernen, kennen wir ja schon.»

Mit einer substanziellen Verbesserung der Lieferengpässe rechnen die Datenspezialisten von auto-i-dat ag nicht vor dem nächsten Sommer. Ausserdem sind sie überzeugt, dass die mittelfristige Zukunft nicht allein dem Elektroauto gehören wird – und dass 2022 in Genf ein Autosalon stattfinden wird.

Die Chipkrise und die damit verbundenen Lieferengpässe sind noch nicht ausgestanden. Wann rechnen die Datenspezialisten von auto-i-dat ag mit einer signifikanten Verbesserung der Lage?
René Mitteregger:
Eine Verbesserung ist in der Tat noch nicht in Sicht. Eine unglückliche Kette von Ereignissen führte zu dieser Lage, die sich nur langsam erholen wird. Wir rechnen nicht mit einer signifikanten Verbesserung vor Sommer 2022.

Per Ende August wurden insgesamt 160'425 Neuwagen immatrikuliert. Das sind zwar knapp 13 Prozent mehr als in derselben Periode des Jahres 2020, aber 15,3 Prozent weniger als 2019. auto-schweiz hält am Jahresziel von 270'000 neuen Personenwagen fest. Unter welchen Voraussetzungen ist das machbar?
Die Zahl von 270'000 neuen Personenwagen kann nur erreicht werden, wenn bestellte Fahrzeuge auch ausgeliefert werden können. Die Lieferengpässe bei den Microchips schlägt sich natürlich auch auf die Lieferbarkeit von bestellten Fahrzeugen aus.

Betrachtet man die Liste der Marken, so entwickeln sie sich recht unterschiedlich: Es gibt solche, die liegen per Ende August bei einem Plus von knapp 40 Prozent (Seat) oder knapp 33 Prozent (Hyundai), andere dagegen bei einem Minus von 21,7 Prozent (Renault). Was macht die Unterschiede so gross?
Einerseits sind es die Lieferschwierigkeiten die bei einigen Herstellern nicht so drastisch scheinen. Andererseits aber auch die Attraktivität der aktuellen Angebote.

Teilweise müssen Kunden noch viel länger auf ihr Neufahrzeug warten als ursprünglich vom Händler kommuniziert. Wie würden Sie als Händler Kunden vor dem Abspringen bewahren?
Dazu gibt es keine allgemeingültige Antwort. Die Lieferschwierigkeiten sind bei vielen Herstellern vorhanden und ein Umstieg auf einen anderen Lieferanten dürfte nicht den gewünschten Effekt haben. Ferner hat der Kunde ja schon länger auf sein «Traumfahrzeug» gewartet. Schwierig wird es, wenn noch ein Eintausch eines Fahrzeugs ansteht. Das kann dann bei einem Eintausch sechs Monate später und unter Umständen mit höheren Laufleistungen von 15’000-20'000 km nicht mehr den gleichen Eintauschwert erzielen.

Die alternativen Antriebe tragen substanziell zum ansehnlichen Ergebnis per Ende August bei. Wer kauft heute aus welchen Gründen ein Elektrofahrzeug? Die Theorie: Die early adopters sind mit ihren Käufen schon durch. Jetzt kauft die «progressive Vorhut» der breiten Masse. Die Masse kommt dann erst später. Kommt Sie? Und wovon hängt das ab?
Auch das ist schwer zu sagen. Alternative Antriebe sind ja nicht nur Elektrofahrzeuge. Hybride erfahren seit einiger Zeit einen sehr grossen Aufschwung, da nun fast jeder Hersteller diese Technologie anbietet. Auch bei den Elektroautos werden von immer mehr Herstellern verschiedene Varianten angeboten. Das hat sicherlich auch einen Einfluss auf die Verkaufszahlen. Bevor die Masse kommt, muss die Ladeinfrastruktur gelöst sein. Rund die Hälfte aller Fahrzeuge in der Schweiz stehen über Nacht nicht in der Garage, sondern am Strassenrand. Den Ladestrom dorthin zu bringen, dürfte die Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Die Politik setzt auf Elektro, das scheint in der Zwischenzeit klar. Trotzdem geben die Vertreter einer Technologieoffenheit nicht auf. Wie sehen Sie die künftige Entwicklung bei den Antrieben?
Dass sich Politik und Realität oft voneinander entfernen, kennen wir ja schon. Die Elektromobilität ist mit Sicherheit eine Lösung für viele Einsatzzwecke. Aber die Zukunft dürfte eine Mischung verschiedener Antriebskonzepte sein. Z.B. Pendler, die pro Arbeitsweg 20-50 km zurücklegen und Zuhause oder gar auch im Geschäft laden können aber gelegentlich auch weitere Strecken zurücklegen müssen, für die dürfte der Plug-in Hybrid das richtige sein. Ein Pendler, der sein Fahrzeug ausschliesslich für den Arbeitsweg nutzt, für den ist ein Elektroantrieb mit geringerer Reichweite das Richtige. Hat er noch einen grösseren Diesel für lange Reisen zuhause, sind auch die Urlaubsreise oder längere Fahrten gesichert. Sind oft lange Fahrten notwendig, dürfte e-Fuel oder aber, wie erwähnt der Diesel/Biodiesel die richte Wahl sein. Hier bereits heute Prognosen abzugeben ist aber sehr schwierig, zumal das ganze Potential von e-Fuel noch nicht gänzlich erforscht ist.

Um ein Thema kommen wir nicht herum: Erstmals wurden im Juli auf AutoScout24 mehr neue Elektrofahrzeuge angeboten als neue Dieselfahrzeuge. Kann man hier wirklich schon von einer nachhaltigen «Wachablösung» sprechen?
Die Ablösung des Diesels haben eher der Benziner und Hybridantriebe übernommen. Viele Hersteller bieten nur noch einige wenige neue Dieselmodelle an. Andere Hersteller verzichten gänzlich auf ein Angebot mit Dieselmotor. Aber immer mehr Hersteller bieten Elektrofahrzeuge an. Dann ist es nur verständlich, dass mehr Elektro-Neufahrzeuge als Diesel-Neufahrzeuge auf der Plattform Autoscout24 angeboten werden.

Die erste IAA MOBILITY in München endete mit einer aus Sicht der Veranstalter sehr positiven Bilanz. Das Auto stand zwar noch im Vordergrund, allerdings eingebettet in alle möglichen Formen der Mobilität bis hin zum Fahrrad. Genf hingegen hat bereits klar signalisiert, dass etwas anderes als Autos nicht vorkommen wird. Wie denken Sie wird die Zukunft der Automessen aussehen?
Der Autosalon in Genf, sowie die Internationale Automobil Ausstellung früher in Frankfurt, nun in München haben das Auto im Namen. Eigentlich gehören alle anderen Mobilitätsformen hier nicht dazu. Vor einigen Jahren wäre eine Ausstellung von Fahrrädern verschiedenster Hersteller an einer IAA undenkbar gewesen. Die Individualmobilität wurde Jahrzehnte lang vom Auto geprägt. Nun ändert sich das Bild. Viele Städte fördern alternative Mobilitätsformen. Das wird unweigerlich einen Einfluss auch auf die Messen haben. Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft andere Messe-Formen kennenlernen werden. Das Auto wird wohl weiterhin eine hohe Bedeutung für den Individualverkehr haben, aber grosse reine Automessen werden in absehbarer Zeit verschwinden. Beim Auto dürften sich lokale Messen und Ausstellungen durchsetzen.

Rechnen Sie damit, dass Genf im kommenden Februar tatsächlich wieder stattfinden wird?
Ja, die Zeichen stehen gut, dass der Automobilsalon in Genf seine Tore im 2022 wieder öffnet. Jedoch leider sicher nie mehr in dem Umfang und der umfangreichen Herstellerpräsenz wie früher. Gerne lasse ich mich aber positiv überraschen.