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«Garagisten und Händler müssen sich rasch mit neuen Technologien beschäftigen»

René Mitteregger
Datenspezialist bei auto-i-dat ag

Ein sehr gutes Jahr bei den Neuwagen, ein Rekordjahr bei den Occasionen, ein Boom bei den Hybrid-Fahrzeugen: Für René Mitteregger, Datenspezialist bei auto-i-dat ag, war der Autojahrgang 2019 hervorragend – mit einem Wermutstropfen: der Diesel. Für 2020 ist er optimistisch, sieht aber die Occasionspreise unter Druck kommen.

René Mitteregger, was war für Sie Top und Flop des Autojahres 2019?
Top für mich ist die rasante Reaktion der Automobilhersteller auf neue Herausforderungen. Viele Hersteller können bereits jetzt Hybrid-Antriebe anbieten und somit einen aus meiner Sicht sehr sinnvollen Beitrag zur Verbrauchssenkung und somit zum CO2-Ausstoss Senkung beitragen. Auch wurde in Windeseile an alternativen Antrieben geforscht und viele Hersteller bieten bereits Marktreife Lösungen. Flop des Autojahres ist für mich die Verteufelung des Dieselantriebs. Richtig eingesetzt ist der Diesel alles andere als schlecht. Auch beim CO2-Ausstoss ist der Diesel meist besser als der Benziner. Dazu kommt, dass die Diesel schon länger mit Partikelfiltern ausgerüstet sind und Feinstaub, erzeugt durch die Verbrennung von Diesel, schon lange gefiltert wird.

Prozentual am meisten zugelegt haben Hybrid-Fahrzeuge. Wie erklären Sie sich das?
Der Hybrid-Antrieb erscheint mit die schlüssigste Lösung, vereint er doch die Vorteile eines elektrisch- und eines fossil betriebenen Autos. Zu erwähnen sind hier insbesondere die vielen Mild-Hybride, die die Energie der Bremsvorgänge rekuperieren und diese «Gratisenergie» wieder zur Verfügung stellen, ohne das Gewicht massgeblich zu beeinflussen. Durch die staatlichen CO2-Vorgaben haben alle Hersteller reagiert und bieten ihre Lösungen an. Und das sind oft Hybrid-Lösungen. Somit sind viele verschiedene Varianten erhältlich und die Autokäufer können für einen verhältnismässig kleinen Aufpreis eine ausgereifte Technologie erwerben.

Im November wurden erstmals über 10'000 Elektroautos verkauft. Wie weit sind wir vom «tipping point» entfernt, also von jenem Punkt, an dem die Entwicklung den Durchbruch auf einer breiten Front schafft?
Ich glaube, dass wir bei der Entwicklung bereits den «tipping point» erreicht haben. Die meisten Elektroautos sind durchaus alltagstauglich. Jedoch wird der «tipping point» beim Kaufpreis noch einige Zeit nicht erreicht sein. Die Herstellung von elektrisch betriebenen Autos ist noch immer wesentlich teurer als die von herkömmlichen. Dazu kommt, dass die Entwicklung weiterhin fortschreitet und Unsummen verschlingt. Das macht die Elektromobilität nicht günstiger.

Was bedeutet dieser Boom für den Händler? Wo ist er von Ihnen aus gesehen jetzt am stärksten gefordert?
Der Händler muss sich unweigerlich und sehr rasch mit den neuen Technologien beschäftigen, sei dies Hybrid oder Elektroantrieb. Es kommen hohe Kosten auf die Händler zu, die finanziert werden müssen, sei das für Infrastruktur oder für Aus- und Weiterbildung. Kommt dazu: Bedingt durch den immer höheren Entwicklungsgrad wird die Wartung gerade bei elektrisch betriebenen Fahrzeugen abnehmen, was wiederum weniger Umsatz in der Werkstatt bedeuten wird.


Hat die rasche Zunahme bei den elektrifizierten Neuwagen Auswirkungen auf den Occasionsmarkt? Welche?
Ja. Elektromobilität wird auf breiter Front «salonfähig». Die vielen Elektrofahrzeuge verändern das Bild im Strassenverkehr. Dies hat auch einen Einfluss auf die Preise bei den elektrischen Occasionen, weil die mehr gesucht werden. War ein potenzieller Elektro-Occasionskäufer vor ein bis zwei Jahren der Technologie gegenüber noch skeptisch, vertraut mancher heute dem wachsenden Markt. Das heisst, es gibt mehr Nachfrage seitens der Automobilisten und mehr Marktteilnehmer im Handel. Beides wirkt sich direkt auf das Preisniveau aus.

Ein hoher Anteil bei den Neuzulassungen ist die eine Seite der Medaille – ein substanzieller Anteil am gesamten Personenwagenbestand die andere. Wie lange wird es dauern, bis Elektrofahrzeuge einen substanziellen Anteil ausmachen werden?
Das wird noch Jahre dauern, falls überhaupt. Die hohen Anschaffungspreise, die noch existierenden Rohstoffengpässe, die noch nicht flächendeckende Ladeinfrastruktur und die attraktiven alternativen Angebote dürften es dem Elektroantrieb auch in Zukunft noch schwer machen.

Sprechen wir über den Diesel. Mit minus 12 Prozent per Ende November war es erneut nicht sein Jahr. Warum?
Ja, das ist richtig. Der Diesel wird absolut zu Unrecht als «Dreckschleuder» beschimpft. Das hinterlässt seine Spuren. Allerdings muss auch beachtet werden, dass viele Automobilhersteller Ihre Diesel-Antriebspalette stark reduziert haben. Damit wurde das Angebot automatisch eingeschränkt. Dass damit auch ein Rückgang der Verkaufszahlen einher geht, ist nur logisch.

Was empfehlen Sie jetzt einem Händler mit Occasionsdiesel auf dem Platz?
Keine Panik! Gute Diesel lassen sich auch heute noch verkaufen. Beratung gehört zum Verkaufsgespräch. Die potenziellen Käufer sollten wissen, dass nicht alle Diesel per se von allfälligen Fahrverboten betroffen sind. Auch sollten die Vorteile eines Diesels erwähnt werden. Der Händler soll über Einsatzzweck, Verbrauch, Drehmoment und Technologie sprechen, da spielt der Diesel seine Trümpfe.

Im Oktober sagten Sie, dass sich der Occasionsmarkt 2019 auf ein bisheriges Allzeithoch-Rekord zubewege. Wird der Handel das erreichen?
Wir können uns vorsichtig freuen. Der Oktober war nochmals ein guter Occasionsmonat und auch mit den Novemberzahlen sind wir über das Jahr gesehen höher als je zuvor. Ich bin also recht zuversichtlich.

Was ist im Occasionsbereich aktuell am meisten gefragt? Worauf muss der Occasionshändler jetzt besonders achten?
Wie bei den Neuwagen sind vor allem die SUV sehr gefragt. Und gerade hier macht der Diesel mit seinem Drehmoment wegen dem doch eher hohen Eigengewicht der Fahrzeuge am meisten Sinn. Vorsicht muss der Occasionshändler beim Eintausch walten lassen. Vermeintlich hohe Angebotspreise auf Autobörsen bedeuten nicht automatisch, dass die angebotenen Fahrzeuge auch zum angegebenen Preis den Besitzer wechseln.

Im Herbst haben Sie aufgrund Ihres Datenmaterials festgestellt, dass die Klimadebatte keine bzw. kaum Auswirkungen auf den Autokauf hatten. Im Gegenteil. Wie sieht das kurz vor Ende Jahr aus?
Da hat sich nichts geändert. Der Neuwagen-Markt ist im November noch immer 1.6% über Vorjahr. Und im Occasionshandel sind wie gesagt gute Zahlen zu erwarten.

Was erwarten Sie vom Autojahr 2020?
Das Autojahr 2020 dürfte ähnlich verlaufen, wie 2019. Ich rechne aber damit, dass die Occasionspreise aufgrund des gestiegenen Angebots unter Druck kommen werden.