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«Jetzt noch auf den Occasions-Boom aufspringen ist zu spät»

René Mitteregger
Produkt-Manager
auto-i-dat.ch

 

Als Datenspezialist beobachtet René Mitteregger die Entwicklungen im Schweizer Automarkt seit 13 Jahren – aber ein Jahr wie dieses hat er noch nie erlebt. Im inzwischen schon traditionellen «Sommergespräch» analysiert Mitteregger die aktuelle Situation und sagt, was sie für die Händler bedeutet.

 

 

René Mitteregger, Sie beobachten die Neuzulassungen und die Handänderungen seit 30 Jahren professionell. Hatten wir je eine solche Situation? Was macht die aktuelle Situation so besonders?
René Mitteregger: Ja, auto-i besteht in diesem Jahr 30 Jahre. Bereits kurz nach der Gründung wurden Handänderungen und Neuzulassungen beobachtet. Seit mittlerweile 13 Jahren darf ich das tun. Aber in den 30 Jahren und, davon bin ich überzeugt, auch vorher gab es nie eine solche Situation. Es wurden sowohl bei den Neuwagen, als auch bei den Occasionen markant weniger Autos verkauft. Bei den Neuwagen war der Einschnitt jedoch bei Weitem höher, als das bei den Occasionen zu beobachten war. Die Diskrepanz zwischen Neuwagen- und Occasionshandel war auffallend – und sie ist es nach wie vor. Normalerweise halten sich der Neuwagen-Verkauf und der Occasionshandel in etwa die Waage. Auf einen verkauften Neuwagen werden zu «normalen» Zeiten zwischen zwei bis drei Occasionen gehandelt. Natürlich gab es da auch Jahre mit Ausreissern. Aber im letzten Halbjahr hat sich dieses Verhältnis markant verändert. Im Januar lag das Verhältnis noch bei 1:3.77, im März bei 1:2.9, im April bereits bei sehr aussergewöhnlichen 1:4.49, im Mai mit 1:4.7 nochmals höher und im Juni immerhin noch bei 1:3.16. Das ist bemerkenswert.

 

Wie beobachten Sie als Datenspezialist bei auto-i-dat den Occasionsmarkt? Welche Zahlen stehen Ihnen und Ihrem Team dazu zur Verfügung?
Wir beobachten sämtliche Mutationen im Fahrzeugbereich. Dabei haben wir auch Zugang zu den Mutationen der kantonalen Strassenverkehrsämter und wir analysieren sämtliche Handelsinformationen verschiedener Organisationen.

 

auto-i-dat hat bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt dieses Jahres darauf hingewiesen, dass der Markt mit guten Occasionen bald ausgetrocknet sein wird. Wie sieht die aktuelle Situation aus?
Sehen Sie sich die Occasionsplätze an! Da ist nun deutlich mehr Platz als auch schon. Die Lücken zwischen den Fahrzeugen werden grösser und das Angebot wird täglich kleiner.

 

Wie beurteilen Sie die aktuellen Occasions-Lagerbestände bei den Händlern?
Bei den meisten Händler schrumpfen die Lagerbestände, teilweise sogar dramatisch. Wäre es nicht tragisch könnte man von einem Luxusproblem sprechen.

 

Was für Occasionen gehen jetzt besonders gut (Marken, km-Stand, Ausstattungen etc.)?
Besonders gut gehen im Moment auf der einen Seite teurere, gut ausgestattete und auf der anderen Seite sehr günstige Fahrzeuge.

 

Die Verknappung auf dem Occasionsmarkt führt zu einer Preissteigerung. Wie hoch ist die aktuell im Durchschnitt pro Fahrzeug?
Von einer merklichen Preissteigerung kann man noch nicht sprechen, obwohl einige Händler Ihre Preise bereits erhöht haben. Aber hier spielt der Markt: Angebot und Nachfrage beeinflussen den Preis.


Was empfehlen Sie Händlern, die jetzt noch kurzfristig auf den Occasions-Boom aufspringen wollen?
Im Moment wird wohl ein Aufspringen auf den «Occasions-Boom» nicht mehr viel bringen. Wer noch keine Occasionen auf dem Platz hat, dürfte zu spät dran sein. Die Gebrauchten werden knapper und damit der Einkaufspreis höher.

 

Stichwort «Diesel»: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation und mittelfristige Perspektive dieser Antriebstechnologie?
Der Diesel ist gerade im Occasionsmarkt noch längst nicht tot. Im Gegenteil, gefragte Fahrzeuge, wie z.B. SUV waren und sind noch immer meist mit Dieselantrieben versehen. Diese sind wesentlich effizienter und passen wegen ihres hohen Drehmoments besonders gut zu etwas schwereren Fahrzeugen. Die Occasion von heute ist im Übrigen der Neuwagen von damals. Jahrelang wurden verstärkt mit Diesel angetriebene Fahrzeuge als Neuwagen verkauft. Diese findet man natürlich nun als Occasion. Auch in nächster Zeit dürfte die Nachfrage nach Dieselbetriebenen Fahrzeugen nicht einbrechen, da bin ich mir sehr sicher.

 

Die ganze Klimadebatte geriet während der Corona-Krise praktisch ins Vergessen. Wann rechnen Sie damit, dass dieses Thema den Fahrzeughandel wieder stärker beeinflusst?
Der Mensch macht sich Probleme, wenn er sonst keine mehr hat. Die Corona-Krise zeigt das einmal mehr eindrücklich. Zurzeit ist weder der «böse» Diesel, noch das Klima ein Thema in den Medien. Das dürfte auch noch eine Weile andauern. Sind die aktuellen Probleme aber irgendwann nicht mehr so akut, dann gehe ich mit Sicherheit davon aus, dass man sich wieder dem Klima zuwendet.

 

Die Corona-Krise hat der Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs einen deutlichen Impuls verschafft. Wie nachhaltig ist der aus Ihrer Sicht?
In der Tat, der Individualverkehr scheint dem Schweizer wieder wichtiger geworden zu sein. Dies dürfte noch eine Weile anhalten. Die aktuellen Regelungen im öffentlichen Verkehr dürften das ihre dazu beitragen.

 

Für Neuwagen war 2020 bisher ein katastrophales Jahr. Wo glauben Sie, dass wir Ende Jahr liegen werden?
Das Jahr hat nicht gut angefangen, die Neuzulassungen in den Monaten März, April und Mai waren mit -39.4 Prozent im März, -67.2 Prozent im April und -50.5 Prozent im Mai sehr schlecht. Ich denke nicht, dass wir die fehlenden Neuwagenverkäufe im ersten Halbjahr (-34.3 Prozent insgesamt) noch aufholen werden. Zumal noch immer viele Hersteller teilweise Kurzarbeit fahren und auf dringend benötigte Komponenten für die Produktion warten. Zurzeit kann kaum ein Händler verbindliche Aussagen über eine Lieferfrist machen. Und das drückt zusätzlich auf die Kauflust der Konsumenten.

 

Was können Händler jetzt tun, um im zweiten Halbjahr noch möglichst viel wettzumachen?
Wenn Lieferengpässe vorliegen, kann der Händler nicht viel tun. Rabatte zu gewähren, wäre aus meiner Sicht im Moment jedenfalls sicherlich nicht klug. Wenn ich nicht liefern kann, macht es keinen Sinn, dass ich mir auch noch die Preise kaputt mache. Die Händler müssen sich noch auf eine längere Durststrecke einstellen. Der Verkauf wird sich jetzt in absehbarer Zeit erholen, aber die Auslieferung werden weiterhin auf sich warten lassen.

 

Bei den Zahlen fällt auf, dass Plug-in und PHEV-Fahrzeuge einen veritablen Boom. Warum?
Bald jeder Hersteller bietet mehrere Modell mit Hybridantrieb an, was auch Sinn macht. Dieser Antrieb «verwandelt» durch Rekuperation Bremsenergie in nutzbare Energie und stellt diese in Form von gespeichertem Strom wieder zur Verfügung. Dadurch reduzieren diese Antriebskonzepte den CO2 Ausstoss, was den Flottenausstoss positiv beeinflusst.

 

Per Mitte Jahr ist das Segment der alternativen Antriebe gegenüber Vorjahr deutlich im Plus. Wird das bis Ende Jahr reichen, um die CO2-Pönäle für die Importeure signifikant zu mildern?
Ja, der Anteil alternativer Antriebe bei den Neuwagen steigt weiterhin kontinuierlich an. Bereits 21.6 Prozent aller neu verkauften Fahrzeuge werden mit einem alternativen Antrieb verkauft. In der Vergleichsperiode im letzten Jahr waren es noch 10.62 Prozent. Bei einigen Herstellern dürfte es damit reichen, um die CO2-Vorgaben zu erreichen. Das wird aber nicht bei allen der Fall sein.

 

Wie stehen Sie zur Forderung der Importeure, die CO2-Pönäle wegen der Corona-Krise zu kürzen bzw. zu verschieben?
Das macht absolut Sinn. Neuentwicklungen bei den Herstellern haben in den letzten Monaten geruht. Einige von ihnen kämpfen ums nackte Überlegen und werden in den kommenden Monaten alles daran setzten, die Produktion wieder aufzunehmen. Für Innovationen bleibt dabei nur wenig Zeit. Dafür sollten die Importeure nicht auch noch bestraft werden, denn der Importeur ist zusammen mit dem Händler das letzte Glied in der Lieferkette.

 

Wann rechnen Sie damit, dass der Fahrzeughandel – Neuwagen und Occasionen – wieder in «normalen» Bahnen verläuft?
Der Occasionsmarkt hat unter Corona nur bedingt gelitten. Der Monat Juni war mit 77'496 Halterwechsel der beste Monat seit wir Halterwechsel zählen. Beim Neuwagen-Markt dürfte die Erholung noch auf sich warten lassen. Nicht weil Bestellungen fehlen, sondern weil die Hersteller nur mit Verzögerung liefern können. Hier ist im laufenden Jahr nicht mehr mit Rekorden zu rechnen.